| |
hereinschaute, so sag ich's, und hab es oft gesagt, der Holländer-Michel ist schuld an all
dieser Verderbnis. Es lebte also vor hundert Jahr und drüber ein reicher Holzherr, der viel
Gesind hatte; er handelte bis weit in den Rhein hinab, und sein Geschäft war gesegnet, denn
er war ein frommer Mann. Kommt eines Abends ein Mann an seine Türe, dergleichen er
noch nie gesehen. Seine Kleidung war wie der Schwarzwälder Bursche, aber er war einen
guten Kopf höher als alle, und man hatte noch nie geglaubt, daß es einen solchen Riesen
geben könne. Dieser bittet um Arbeit bei dem Holzherrn, und der Holzherr, der ihm ansah,
daß er stark und zu großen Lasten tüchtig sei, rechnet mit ihm seinen Lohn, und sie
schlagen ein. Der Michel war ein Arbeiter, wie selbiger Holzherr noch keinen gehabt. Beim
Baumschlagen galt er für drei, und wenn sechs am einen End schleppten, trug er allein das
andere. Als er aber ein halb Jahr Holz geschlagen, trat er eines Tags vor seinen Herrn, und
begehrte von ihm: 'Hab jetzt lange genug hier Holz gehackt, und so möcht ich auch sehen,
wohin meine Stämme kommen, und wie wär es, wenn Ihr mich auch mal auf das Floß
ließet?'
Der Holzherr antwortete: 'Ich will dir nicht im Weg sein, Michel, wenn du ein wenig hinaus
willst in die Welt, und zwar beim Holzfällen brauche ich starke Leute wie du bist, auf dem
Floß aber kommt es auf Geschicklichkeit an, aber es sei für diesmal.'
Und so war es; das Floß, mit dem er abgehen sollte, hatte acht Glaich (Glieder), und waren
im letzten von den größten Zimmerbalken. Aber was geschah? Am Abend zuvor bringt der
lange Michel noch acht Balken ans Wasser, so dick und lang, als man keinen je sah, und
jeden trug er so leicht auf der Schulter, wie eine Flözerstange, so daß sich alles entsetzte.
Wo er sie gehauen, weiß bis heute noch niemand. Dem Holzherrn lachte das Herz, als er
dies sah, denn er berechnete, was diese Balken kosten könnten; Michel aber sagte: 'So, die
sind für mich zum Fahren, auf den kleinen Spänen dort kann ich nicht fortkommen'; sein Herr
wollte ihm zum Dank ein Paar Flözerstiefeln schenken, aber er warf sie auf die Seite, und
brachte ein Paar hervor, wie es sonst noch keine gab; mein Großvater hat versichert, sie
haben hundert Pfund gewogen und seien fünf Fuß lang gewesen.
Das Floß fuhr ab, und hatte der Michel früher die Holzhauer in Verwunderung gesetzt, so
staunten jetzt die Flözer; denn statt daß das Floß, wie man wegen der ungeheuren Balken
geglaubt hatte, langsamer auf dem Fluß ging, flog er, sobald sie in den Neckar kamen, wie
ein Pfeil; machte der Neckar eine Wendung, und hatten sonst die Flözer Mühe gehabt, das
Floß in der Mitte zu halten und nicht auf Kies oder Sand zu stoßen, so sprang jetzt Michel
allemal ins Wasser, rückte mit einem Zug das Floß links oder rechts, so daß er ohne Gefahr
vorüberglitt, und kam dann eine gerade Stelle, so lief er aufs erste G'stair (Gelenk) vor, ließ
alle ihre Stangen beisetzen, steckte seinen ungeheuren Weberbaum ins Kies, und mit einem
Druck flog das Floß dahin, daß das Land und Bäume und Dörfer vorbeizujagen schienen. So
waren sie in der Hälfte der Zeit, die man sonst brauchte, nach Köln am Rhein gekommen, wo
sie sonst ihre Ladung verkauft hatten; aber hier sprach Michel: 'Ihr seid mir rechte Kaufleute,
und versteht euren Nutzen! Meinet ihr denn die Kölner brauchen all dies Holz, das aus dem
Schwarzwald kömmt, für sich? Nein, um den halben Wert kaufen sie es euch ab, und
verhandeln es teuer nach Holland. Lasset uns die kleinen Balken hier verkaufen, und mit den
großen nach Holland gehen; was wir über den gewöhnlichen Preis lösen, ist unser eigener
Profit.'
So sprach der arglistige Michel, und die andern waren es zufrieden; die einen, weil sie gerne
nach Holland gezogen wären, es zu sehen, die andern des Geldes wegen. Nur ein einziger
war redlich und mahnte sie ab, das Gut ihres Herrn der Gefahr auszusetzen, oder ihn um
den höheren Preis zu betrügen, aber sie hörten nicht auf ihn und vergaßen seine Worte,
aber der Holländer-Michel vergaß sie nicht. Sie fuhren auch mit dem Holz den Rhein hinab,
Michel leitete das Floß und brachte sie schnell bis nach Rotterdam. Dort bot man ihnen das
Vierfache von dem früheren Preis, und besonders die ungeheuren Balken des Michel
wurden mit schwerem Geld bezahlt. Als die Schwarzwälder so viel Geld sahen, wuß ten sie
sich vor Freude nicht zu fassen. Michel teilte ab; einen Teil dem Holzherrn, die drei andern
unter die Männer. Und nun setzten sie sich mit Matrosen und anderem schlechtem Gesindel
in die Wirtshäuser, verschlemmten und verspielten ihr Geld, den braven Mann aber, der
ihnen abgeraten, verkaufte der Holländer-Michel an einen Seelenverkäufer, und man hat
nichts mehr von ihm gehört. Von da an war den Burschen im Schwarzwald Holland das
|
| |
|
|