| |
beiseite, nahm einen Becher und füllte ihn mit Wein, legte ein gutes Roggenbrot darauf, und
brachte es dem Alten. "So, und ein Schluck Wein mag Euch besser frommen, als Wasser, da
Ihr schon so gar alt seid", sprach sie, "aber trinket nicht zu hastig, und esset auch Brot dazu."
Das alte Männlein sah sie staunend an, bis große Tränen in seinen alten Augen standen, er
trank und sprach dann:
"Ich bin alt geworden, aber ich hab wenige Menschen gesehen, die so mitleidig wären, und
ihre Gaben so schön und herzig zu spenden wußten, wie Ihr, Frau Lisbeth. Aber es wird
Euch dafür auch recht wohl gehen auf Erden; solch ein Herz bleibt nicht unbelohnt."
"Nein und den Lohn soll sie zur Stelle haben", schrie eine schreckliche Stimme, und als sie
sich umsahen, war es Herr Peter mit blutrotem Gesicht.
"Und sogar meinen Ehrenwein gießest du aus an Bettelleute und meinen Mundbecher gibst
du an die Lippen der Straßenläufer? Da, nimm deinen Lohn!" Frau Lisbeth stürzte zu seinen
Füßen, und bat um Verzeihung, aber das steinerne Herz kannte kein Mitleid, er drehte die
Peitsche um, die er in der Hand hielt, und schlug sie mit dem Handgriff von Ebenholz so
heftig vor die schöne Stirne, daß sie leblos dem alten Mann in die Arme sank. Als er dies
sah, war es doch als reuete ihn die Tat auf der Stelle; er bückte sich herab zu schauen, ob
noch Leben in ihr sei, aber das Männlein sprach mit wohlbekannter Stimme: "Gib dir keine
Mühe, Kohlen-Peter; es war die schönste und
hast sie zertreten und nie mehr wird sie wieder blühen."
Da wich alles Blut aus Peters Wangen und er sprach: "Also Ihr seid es, Herr Schatzhauser?
Nun, was geschehen ist, ist geschehen, und es hat wohl so kommen müssen. Ich hoffe aber,
Ihr werdet mich nicht bei dem Gericht anzeigen als Mörder."
"Elender!" erwiderte das Glasmännlein. "Was würde es mir frommen, wenn ich deine
sterbliche Hülle an den Galgen brächte? Nicht irdische Gerichte sind es, die du zu fürchten
hast, sondern andere und strengere; denn du hast deine Seele an den Bösen verkauft."
"Und hab ich mein Herz verkauft", schrie Peter, "so ist niemand daran schuld, als du, und
deine betrügerische Schätze; du tückischer Geist hast mich ins Verderben geführt, mich
getrieben daß ich bei einem andern Hülfe suchte, und auf dir liegt die ganze Verantwortung."
Aber kaum hatte er dies gesagt, so wuchs und schwoll das Glasmännlein und wurde hoch
und breit, und seine Augen sollen so groß gewesen sein, wie Suppenteller und sein Mund
war wie ein geheizter Backofen und Flammen blitzten daraus hervor. Peter warf sich auf die
Knie, und sein steinernes Herz schützte ihn nicht, daß nicht seine Glieder zitterten, wie eine
Espe. Mit Geierskrallen packte ihn der Waldgeist im Nacken, drehte ihn um, wie ein
Wirbelwind dürres Laub, und warf ihn dann zu Boden, daß ihm alle Rippen knackten.
"Erdenwurm!" rief er mit einer Stimme, die wie der Donner rollte, "ich könnte dich
zerschmettern, wenn ich wollte, denn du hast gegen den Herrn des Waldes gefrevelt. Aber
um dieses toten Weibes willen, die mich gespeist und getränkt hat, gebe ich dir acht Tage
Frist; bekehrst du dich zum nicht Guten, so komme ich und zermalme dein Gebein und du
fährst hin in deinen Sünden."
Es war schon Abend, als einige Männer, die vorbeigingen, den reichen Peter Munk an der
Erde liegen sahen. Sie wandten ihn hin und her, und suchten, ob noch Atem in ihm sei, aber
lange war ihr Suchen vergebens. Endlich ging einer in das Haus und brachte Wasser herbei,
und besprengte ihn. Da holte Peter tief Atem, stöhnte und schlug die Augen auf, schaute
lange um sich her, und fragte dann nach Frau Lisbeth, aber keiner hatte sie gesehen. Er
dankte den Männern für ihre Hilfe, schlich in sein Haus und schaute sich um, aber Frau
Lisbeth war weder im Keller noch auf dem Boden, und das was er für einen schrecklichen
Traum gehalten, war bittere Wahrheit. Wie er nun so ganz allein war, da kamen ihm
sonderbare Gedanken; er fürchtete sich vor nichts, denn sein Herz war ja kalt, aber wenn er
an den Tod seiner Frau dachte - kam ihm sein eigenes Hinscheiden in den Sinn, und wie
belastet er dahinfahren werde, schwer belastet mit Tränen der Armen, mit tausend ihrer
Flüche, die sein Herz nicht erweichen konnten, mit dem Jammer der Elenden, auf die er
seinen Hund gehetzt, belastet mit der stillen Verzweiflung seiner Mutter, mit dem Blut der
schönen, guten Lisbeth; und konnte er doch nicht einmal dem alten Mann, ihrem Vater
Rechenschaft geben, wann er käme und fragte: "Wo ist meine Tochter, dein Weib?" Wie
wollte er einem andern Frage stehen, dem alle Wälder, alle Seen, alle Berge gehören, und -
|
| |
|
|