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Das kalte Herz
Erste Abteilung
Wer durch Schwaben reist, der sollte nie vergessen, auch ein wenig in den Schwarzwald
hineinzuschauen; nicht der Bäume wegen, obgleich man nicht überall solch unermeßliche
Menge herrlich aufgeschossener Tannen findet, sondern wegen der Leute, die sich von den
andern Menschen ringsumher merkwürdig unterscheiden. Sie sind größer als gewöhnliche
Menschen, breitschultrig, von starken Gliedern, und es ist,als ob der stärkende Duft, der
morgens durch die Tannen strömt, ihnen von Jugend auf einen freieren Atem, ein klareres
Auge und einen festeren, wenn auch rauheren Mut, als den Bewohnern der Stromtäler und
Ebenen gegeben hätte. Und nicht nur durch Haltung und Wuchs, auch durch ihre Sitten und
Trachten sondern sie sich von den Leuten, die außerhalb des Waldes wohnen, streng ab.
Am schönsten kleiden sich die Bewohner des badenschen Schwarzwaldes; die Männer
lassen den Bart wachsen, wie er von Natur dem Mann ums Kinn gegeben ist, ihre schwarzen
Wämser, ihre ungeheuren, enggefalteten Pluderhosen, ihre roten Strümpfe und die spitzen
Hüte, von einer weiten Scheibe umgeben, verleihen ihnen etwas Fremdartiges, aber etwas
Ernstes, Ehrwürdiges. Dort beschäftigen sich die Leute gewöhnlich mit Glasmachen; auch
verfertigen sie Uhren und tragen sie in der halben Welt umher.
Auf der andern Seite des Waldes wohnt ein Teil desselben Stammes, aber ihre Arbeiten
haben ihnen andere Sitten und Gewohnheiten gegeben, als den Glasmachern. Sie handeln
mit ihrem Wald; sie fällen und behauen ihre Tannen, flößen sie durch die Nagold in den
Neckar, und von dem obern Neckar den Rhein hinab, bis weit hinein nach Holland, und am
Meer kennt man die Schwarzwälder und ihre langen Flöße; sie halten an jeder Stadt, die am
Strom liegt, an, und erwarten stolz, ob man ihnen Balken und Bretter abkaufen werde; ihre
stärksten und längsten Balken aber verhandeln sie um schweres Geld an die Mynheers,
welche Schiffe daraus bauen. Diese Menschen nun sind an ein rauhes, wanderndes Leben
gewöhnt. Ihre Freude ist, auf ihrem Holz die Ströme hinabzufahren, ihr Leid, am Ufer wieder
heraufzuwandeln. Darum ist auch ihr Prachtanzug so verschieden von dem d er Glasmänner
im andern Teil des Schwarzwaldes. Sie tragen Wämser von dunkler Leinwand, einen
handbreiten grünen Hosenträger über die breite Brust, Beinkleider von schwarzem Leder,
aus deren Tasche ein Zollstab von Messing wie ein Ehrenzeichen hervorschaut; ihr Stolz
und ihre Freude aber sind ihre Stiefeln, die größten wahrscheinlich, welche auf irgendeinem
Teil der Erde Mode sind; denn sie können zwei Spannen weit über das Knie hinaufgezogen
werden, und die "Flözer" können damit in drei Schuh tiefem Wasser umherwandeln, ohne
sich die Füße naß zu machen.
Noch vor kurzer Zeit glaubten die Bewohner dieses Waldes an Waldgeister, und erst in
neuerer Zeit hat man ihnen diesen törichten Aberglauben benehmen können. Sonderbar ist
es aber, daß auch die Waldgeister, die der Sage nach im Schwarzwalde hausen, in diese
verschiedenen Trachten sich geteilt haben. So hat man versichert, daß das "Glasmännlein",
ein gutes Geistchen von dreieinhalb Fuß Höhe, sich nie anders zeige, als in einem spitzen
Hütlein mit großem Rand, mit Wams und Pluderhöschen und roten Stümpfchen. Der
"Holländer-Michel" aber, der auf der andern Seite des Waldes umgeht, soll ein riesengroßer,
breitschultriger Kerl in der Kleidung der Flözer sein, und mehrere, die ihn gesehen haben,
wollen versichern, daß sie die Kälber nicht aus ihrem Beutel bezahlen möchten, deren Felle
man zu seinen Stiefeln brauchen würde. "So groß, daß ein gewöhnlicher Mann bis an den
Hals hineinstehen könnte", sagten sie, und wollten nichts übertrieben haben.
Mit diesen Waldgeistern soll einmal ein junger Schwarzwälder eine sonderbare Geschichte
gehabt haben, die ich erzählen will: Es lebte nämlich im Schwarzwald eine Witwe, Frau
Barbara Munkin; ihr Gatte war Kohlenbrenner gewesen, und nach seinem Tod hielt sie ihren
sechzehnjährigen Knaben nach und nach zu demselben Geschäft an.
Der junge Peter Munk, ein schlauer Bursche, ließ es sich gefallen, weil er es bei seinem
Vater auch nicht anders gesehen hatte, die ganze Woche über am rauchenden Meiler zu
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