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Die Sage vom Hirschgulden
In Oberschwaben stehen noch heutzutage die Mauern einer Burg, die einst die stattlichste
der Gegend war, Hohenzollern. Sie erhebt sich auf einem runden steilen Berg und von ihrer
schroffen Höhe sieht man weit und frei ins Land. So weit und noch viel weiter als man diese
Burg im Land umher sehen kann, ward das tapfere Geschlecht der Zollern gefürchtet, und
ihren Namen kannte und ehrte man in allen deutschen Landen. Nun lebte vor vielen hundert
Jahren, ich glaube das Schießpulver war noch nicht einmal erfunden, auf dieser Feste ein
Zollern, der von Natur ein sonderbarer Mensch war. Man konnte nicht sagen, daß er seine
Untertanen hart gedrückt oder mit seinen Nachbarn in Fehde gelebt hätte, aber dennoch
traute ihm niemand über den Weg, ob seinem finsteren Auge, seiner krausen Stirne und
seinem einsilbigen, mürrischen Wesen. Es gab wenige Leute außer dem Schloßgesinde, die
ihn je hatten ordentlich sprechen hören, wie andere Menschen, denn wenn er durch das Tal
ritt, einer ihm begegnete und schnell die Mütze abnahm, sich hinstellte und sagte: "Guten
Abend, Herr Graf, heute macht es schön Wetter", so antwortete er "Dum mes Zeug" oder
"Weiß schon". Hatte aber einer etwas nicht recht gemacht, für ihn oder seine Rosse,
begegnete ihm ein Bauer im Hohlweg mit dem Karren, daß er auf seinem Rappen nicht
schnell genug vorüberkommen konnte, so entlud sich sein Ingrimm in einem Donner von
Flüchen; doch hat man nie gehört, daß er bei solchen Gelegenheiten einen Bauern
geschlagen hätte. In der Gegend aber hieß man ihn "das böse Wetter von Zollern".
"Das böse Wetter von Zollern" hatte eine Frau, die der Widerpart von ihm, und so mild und
freundlich war, wie ein Maitag. Oft hat sie Leute, die ihr Eheherr durch harte Reden beleidigt
hatte, durch freundliche Worte und ihre gütigen Blicke wieder mit ihm ausgesöhnt; den
Armen aber tat sie Gutes, wo sie konnte, und ließ es sich nicht verdrießen, sogar im heißen
Sommer oder im schrecklichsten Schneegestöber den steilen Berg herabzugehen, um arme
Leute, oder kranke Kinder zu besuchen. Begegnete ihr auf solchen Wegen der Graf, so
sagte er mürrisch: "Weiß schon, dummes Zeug", und ritt weiter.
Manch andere Frau hätte dieses mürrische Wesen abgeschreckt oder eingeschüchtert; die
eine hätte gedacht, was gehen mich die armen Leute an, wenn mein Herr sie für dum mes
Zeug hält; die andere hätte vielleicht aus Stolz oder Unmut ihre Liebe gegen einen so
mürrischen Gemahl erkalten lassen; doch nicht also Frau Hedwig von Zollern. Die liebte ihn
nach wie vor, suchte mit ihrer schönen weißen Hand die Falten von seiner braunen Stirne zu
streichen, und liebte und ehrte ihn; als aber nach Jahr und Tag der Himmel ein junges
Gräflein zum Angebinde bescherte, liebte sie ihren Gatten nicht minder, indem sie ihrem
Söhnlein dennoch alle Pflichten einer zärtlichen Mutter erzeigte. Drei Jahre lang vergingen,
und der Graf von Zollern sah seinen Sohn nur alle Sonntage nach Tische, wo er ihm von der
Amme dargereicht wurde. Er blickte ihn dann unverwandt an, brummte etwas in den Bart
und gab ihn der Amme zurück. Als jedoch der Kleine "Vater" sagen konnte, schenkte der
Graf der Amme einen Gulden - dem Kind machte er kein fröhlicher Gesic ht.
An seinem dritten Geburtstag aber ließ der Graf seinem Sohn die ersten Höslein anziehen,
und kleidete ihn prächtig in Samt und Seide; dann befahl er seinen Rappen und ein anderes
schönes Roß vorzuführen, nahm den Kleinen auf den Arm und fing an mit klirrenden Sporen
die Wendeltreppe hinabzusteigen. Frau Hedwig erstaunte, als sie dies sah. Sie war sonst
gewohnt nicht zu fragen wo aus, und wann heim, wenn er ausritt, aber diesmal öffnete die
Sorge um ihr Kind ihre Lippen. "Wolltet Ihr ausreiten, Herr Graf?" sprach sie - Er gab keine
Antwort. "Wozu denn den Kleinen?" fragte sie weiter; "Kuno wird mit mir spazierengehen."
"Weiß schon", entgegnete das böse Wetter von Zollern, und ging weiter; und als er im Hof
stand, nahm er den Knaben bei einem Füßlein, hob ihn schnell in den Sattel, band ihn mit
einem Tuch fest, schwang sich selbst auf den Rappen und trabte zum Burgtore hinaus,
indem er den Zügel vom Rosse seines Söhnleins in die Hand nahm.
Dem Kleinen schien es anfangs großes Vergnügen zu gewähren, mit dem Vater den Berg
hinabzureiten. Er klopfte in die Hände, er lachte und schüttelte sein Rößlein an den Mähnen,
damit es schneller laufen sollte, und der Graf hatte seine Freude daran, rief auch einigemal:
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