Der Klassiker Schubert
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(REAL NAME)    Rezension bezieht sich auf: Die Klaviersonaten (Audio CD) Bei allen "Gesamtaufnahmen" der Klaviersonaten Schuberts stellt sich die Frage: wie vollständig sind die ?
Wie in den meisten Gesamtaufnahmen fehlen hier D567 (eine frühere Version von D568) und die Fragmente D655 und D769A, die 75 bzw 38 Takte lang sind.
Dazu fehlen die unvollendeten Sonaten D570/571/604 (fis-moll Sonate von 1817) und D612/613 (C-Dur Sonate von 1818). Während D612/613, ein Versuch im dekorativen Stil der Virtuosen-Komponisten wie Hummel, sich schmerzlos vermissen läßt, ist die fis-moll Sonate besonders reizvoll.

- Die Edition
Kempff spielt in der Regel nur vollendete Sätze, was wohl zum Ausschluß der oben erwähnten Sonaten geführt hat. In der Reliquie D840 spielt er die zwei ersten Sätze. Ausnahme ist D625, die er in der Edition von Erwin Ratz spielt, das heißt mit einer dezenten Vollendung des ersten Satzes (die "echter" wirkt als die Badura-Skodas) und in drei Sätzen, ohne das Adagio D505, das in den neueren Ausgaben aufgrund eines Katalogs von Ferdinand Schubert als langsamer Satz hinzugefügt wurde. Von D566 sind die einzelnen vier Sätze nacheinander wiederentdeckt worden, wobei die Zugehörigkeit des Rondos D506 noch fraglich ist. Kempff spielt nur die ersten beiden Sätze. Die Sonate E-Dur (ehemals 5 Klavierstücke D.459) ist aufgrund der komplizierten Quellenlage kürzlich in eine zweisätzige Sonate und drei Klavierstücke D459A geteilt worden. Kempff spielt wohlweislich die 5 Sätze.
In der Regel beachtet er die von Schubert vorgeschriebenen Wiederholungen (in D960 besonders wichtig). Ein paar Ausnahmen (Kopfsatz von D784, D845, D894 u.a.) bestätigen diese Regel.

- Die Interpretation
Kempffs spielt Schubert wie einen Klassiker, mit Klarheit und Transparenz. Die melodischen Linien werden mit schönem Legato dargeboten, aber nie verniedlicht. Diese klassische Haltung bekommt den frühen Sonaten besonders gut. Wer D568, D575 oder D459 in Kempffs Interpretation einmal gehört hat, wird leicht "kempffbeschädigt" und jede andere Interpretation wirkt im Vergleich gekünstelt, unausgewogen oder verkrampft.
Dieses Spiel, das die Extreme nicht sucht, aber mit Intelligenz den Anweisungen des Komponisten treu bleibt und die Schubertsche Polyphonie in ihrem vollen Reichtum darstellt, zieht auch in der tourmentierten D784 oder in der grüblerischen Reliquie den Hörer buchstäblich in seinen Bann. Die große D960 bekommt auch hier eine im besten Sinne klassische Darbietung.
In der c-moll Sonate D958 kommt Kempff aber an seine Grenzen. Da hat Schubert selber die Extreme gesucht. Der erste Satz wird trocken (seltsamerweise läßt ihn sein Legato im Seitensatz in Stich), der zweite abwesend, der vierte harmlos.
Zur G-Dur Sonate D894 hat er auch nicht den Zugang gefunden. Der erste Satz "molto moderato e cantabile" wird weder besonders moderato noch besonders cantabile gespielt (bezeichnenderweise wird hier auf die Wiederholung der Exposition verzichtet), die anderen haben auch nicht die Selbstvertändlichkeit, die Kempffs Interpretation sonst auszeichnet. In der virtuosen "Gasteiner Sonate" D850 aber überrascht er wieder mit einer seltenen Klarheit, die den explosiven Kopfstatz unter ein besonderes Licht stellt. Dem abschließenden Rondo, dessen Thema so oft verballhornt wurde, verweigert er jede "süße Versuchung", was es umso ausdruckreicher macht.

Fazit: Diese CD-Box ist einfach unabkömmich für jeden Schubertianer. Die Vollständigkeitsfanatiker können sie mit den 3 Naxos CDs von Gottlieb Wallisch ergänzen, die den Problemkindern unter den Sonaten gewidmet sind. Für wenig Geld kann man sich auch Radu Lupu zulegen, der wertvolle Alternativen anbietet, was besonders für D894 und D958 zutrifft, wo Kempff nicht am überzeugendsten ist.
Eine Rezension von Ein Kunde
vom 27. Dezember 2010
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